Greifenstein/Herborn/Villmar
Am 10. Mai 2025 fand die diesjährige Fachexkursion der Sektion Hessen der Deutschen Gesellschaft für Kartographie e. V. statt. Im Gegensatz zu den letztjährigen Fahrten wurde in diesem Falle nur eine eintägige Tour angeboten. Als Ziele hatte man sich Greifenstein, Herborn und Villmar ausgesucht, alles Orte des ehemaligen Herzogtums Nassau. Unmittelbar vor Abfahrt erhielten Mitglieder und Gäste einen Exkursionsführer mit Teilnehmerliste, Programm, topographischen und thematischen Kartenausschnitten sowie ausführliches Informationsmaterial über die zu besuchenden Orte.
Äußerst pünktlich um 7:45 Uhr startete der Bus an der Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs mit 36 Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Die Fahrt verlief zunächst auf der A5 in Richtung Norden, im Westen der Taunus mit seinem Vorland, im Osten die flachwellige Wetterau mit dem Vogelsberg im Hintergrund. An deren gleichnamigen Autobahnraststätte stiegen sechs weitere Personen zu und vervollständigten somit die Reisegruppe auf insgesamt 42.
Während der Fahrt informierte der Exkursionsleiter Dr. Bär die Reisenden über Geologie, Geomorphologie und Böden der durchfahrenen Landschaft. Am nördlichen Ende der Wetterau angekommen konnte auf die zweitürmige Burgruine Münzenberg, das sogenannte „Wetterauer Tintenfass“, hingewiesen werden, deren Bau auf einer aus ihrer Umgebung herausragenden Basaltkuppe ruht und sich an diesem Tag bei großartigen Wetterverhältnissen eindeutig erkennen ließ. Ab dem Gambacher Kreuz, wo der Bus auf die in nordwestliche Richtung verlaufende sogenannte Sauerlandlinie (A 45) eingeschwenkte, wurde die flach ansteigende Gießener Schwelle -Wasserscheide zwischen den Einzugsgebieten der Lahn und des Mains – überquert und bei Wetzlar die Lahn erreicht, Grenzgewässer zwischen Taunus und Westerwald. In dieser Stadt mündet der zweitlängste Nebenfluss der Lahn, die Dill, deren rechte Talseite die nördliche bis nordöstliche Begrenzung des Westerwaldes bildet. Vom Dilltal aus ließ sich schon aus der Ferne die in hervorstehender Position gelegene Höhenburg Greifenstein, das Wahrzeichen der Region, ausmachen. Sie wurde auf einem tertiären Basaltsporn errichtet. Über Ehringshausen gelangte die Reisegruppe zur Ortschaft Greifenstein und nach einem kurzen Fußweg zur genannten Burg, dem ersten im Programm vorgesehenen Standort, wo die Führer, Frau Dr. Sigrid Müller-Stahl und Herr Henning Daniel, auf die Reisegruppe aus Frankfurt am Main warteten.


Die Ersterwähnung der Burg reicht in das Jahr 1160 zurück. Sie war die frühe Residenz der Grafen von Solms-Greifenstein. Bei der Führung durch die Anlage wurden die erhaltenen Mauerreste der Kellergewölbe, des Wohnbaus mit Küche und des Palas sowie der sogenannte Neubau vorgestellt.


Die herausragenden, charakteristischen Doppeltürme, die einen Verbindungsgang aufweisen, durften sogar bestiegen werden, um u. a. – nun von einem wesentlich höheren Standort aus – die Weitsicht über den westlichen Westerwald und das Gladenbacher Bergland zu bestaunen. Über die Kasematten erreichte man die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammende gotische Unterkirche, die Katharinenkapelle. Ihr aufgesetzt – als Doppelkapelle – erscheint die Barockkirche, die unter Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Greifenstein ab 1683 erbaut wurde und im Innern mit prunkvollem Stuck vor allem an der Decke und entlang ihrer Empore ausgestattet ist. Unterhalb der Orgel sind farbenfroh die fürstlichen Wappen wiedergegeben.


Als Höhepunkt wurde das im Bollwerk Rossmühle, einem Geschützturm von 1620 und frühere Mühle, untergebrachte, seit 50 Jahren bestehende und weit über die Grenzen hinaus bekannte Glockenmuseum, die „Glockenwelt der Burg Greifenstein“ mit über 100 anschlagbare Glocken aus zehn Jahrhunderten vorgestellt und erläutert, unter ihnen die älteste Glocke aus dem 11. Jahrhundert.

Ein gemeinsamer Blick beider Gruppen in das mit Folterwerkzeugen versehene sogenannte Tiefe Gefängnis beendete den interessanten Besuch der historischen Burganlage. Abschließend folgte im Vorhof der Burg noch das traditionelle Exkursionsgruppenfoto.

Im Anschluss erfolgte die Weiterfahrt zur an der Dill gelegenen Stadt Herborn, ein Mittelzentrum, in dem zunächst eine individuelle Mittagspause eingelegt wurde. Unmittelbar danach begann in zwei Gruppen eine Führung durch die historische Altstadt, die von den Herren Dr. Horst Becker und Dr. Jörg Wegerhoff übernommen wurde. In intensiver und sehr informativer Weise wurde dabei auf die Stadtgeschichte eingegangen und unter Vorstellung historischer Objekte deren Entwicklung und Baubestand erläutert. Hierzu gehörten das Rathaus, das nach dem Brand von 1626 wieder errichtet wurde, mit dem umlaufenden Wappenfries, das erstmalig 1350 erwähnte Schloss, heute Sitz des Theologischen Seminars der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, die mittelalterliche evangelische Stadtkirche, die zeitweise dem Deutschen Orden gehörte, die Hohe Schule (Academia Nassauensis), eine von Johannes VI., dem Bruder von Wilhelm von Oranien, gegründete Einrichtung der wichtigsten Bildungsstätten der calvinistisch Reformierten in Europa, sowie zahlreiche Fachwerk- und schieferverkleidete Häuser.



An manchem Fachwerkhaus wurde auch auf die schmückenden Details eingegangen, wie es bei den kuriosen Schnitzfiguren vom „Dukadenschisser“ im Talerwinkel und vom „Aufhocker“ am Eckhaus Breiter Winkel/Hauptstraße der Fall war.


Nach dem Besuch der Stadt Herborn wurde die Tagestour in südwestliche Richtung fortgesetzt. Sie führte durch Teile des Oberwesterwaldes entlang des hügeligen Weilburger Lahntals über Leun ins Limburger Becken nach Runkel und von hier zum Marktflecken Villmar. Ziel war das unmittelbar am Ufer der Lahn gelegene Marmor-Museum einschließlich der Begehung des Geopfads zum Aufschluss des Unica-Steinbruchs.
In der zum Rheinischen Schiefergebirge gehörenden, SW-NE-streichenden geologischen Lahn-Mulde stehen verbreitet devonische Massenkalke an, die sich mit submarinen Vulkanergüssen und Tuffen, den sog. Schalsteinen, verknüpften. Bei den beidseitig der Lahn vorkommenden Kalksteinen handelt es sich um Riffbildungen, die im genannten mittelpaläozoischen Zeitraum in äquatornäheren klaren und seichten Meeren bei hohen Temperaturen entstanden. Diese diagenetisch verfestigten biogenen Sedimente weisen nebst einer marmorierten Textur und großen Farbenvielfalt eine hohe Schleiffähigkeit auf und werden aufgrund dessen bei den Steinmetzen als Marmor bezeichnet, obgleich sie aus streng geologisch/petrographischer Sicht nicht dazu gerechnet werden, da sie keine Metamorphose, d. h., keine chemische und/oder physikalische Mineralumwandlung mitgemacht haben. Die Bezeichnung „Lahnmarmor“ wurde jedoch zum Begriff, der Werkstein im In- und Ausland in der Architektur und speziell für dekorative Zwecke im Innenbereich zum gefragten Produkt. Seit vielen Jahrhunderten wurde die Lahnregion durch den Abbau des Marmors geprägt, in den 1970er Jahren kam er allerdings zum Erliegen. Mit dem Aufbau des Museums will man der Nachwelt das Geschehen und die Industriekultur jener Zeit wieder zur Kenntnis bringen und veranschaulichen.
Am Museum wurde die Reisegruppe von dem Fachpersonal, den Herren Ulrich Belz und Eugen Friedrich, freundlichst empfangen und – in 2 Gruppen aufgeteilt – in abwechselnder Reihenfolge an den beiden genannten Standorten geführt und ausführlich informiert. Das Museum steht unter der Trägerschaft einer vor zehn Jahren gegründeten Stiftung gleichen Namens und eines Fördervereins und beherbergt eine Vielfalt prächtiger Ausstellungsstücke sowie Fotos, Karten und Tafeln, anhand derer der Besuchergruppe Sinn und Zweck der Errichtung des Hauses, vor allem aber das Vorkommen des Lahnmarmors, seine Entstehung, Abbau und Transport als auch dessen Bearbeitung und Gestaltung in der Kunst und Architektur anschaulich geschildert wurden. Das Museum gehört zu den Informationszentren des Geoparks Westerwald-Lahn-Taunus.
Auf dem 380 m langen erdgeschichtlichen Pfad, der einer geologischen Zeitreise von 380 Mio. Jahren seit dem Mitteldevon entsprechen soll, weisen Tafeln mit Abbildungen und ausführlichem Erläuterungstext auf die einzelnen Formationen vom Kambrium bis zum Quartär hin.

Am Unica-Steinbruch angekommen steht man vor einer eindrucksvollen, 15 m langen und 6 m hohen glattgesägten und fein geschliffenen Gesteinswand, einem geologischen wie petrographischen Kleinod. Die teils schwungvolle Textur und Vielfarbigkeit dieser Aufschlusswand erlaubt einen einmaligen Einblick in ein mitteldevonisches Stromatoporen-/Korallenriff, das bei genauerem Hinsehen auch Seelilien, Kopffüßler, Schnecken und Brachiopoden beinhaltet. Aus dem Aufbau der Wand und ihrem breiten Farbspektrum lassen sich Rückschlüsse auf das jeweilige Ausgangsmaterial als auch auf die Entwicklung und Störungsphasen schließen.



Von Villmar aus erfolgte die direkte Rückfahrt nach Frankfurt am Main, das wie vorgesehen gegen 19:30 Uhr erreicht wurde. Das traditionelle Treffen der Reisegruppe zur Bildernachlese ist für den Herbst vorgesehen.
Werner-Francisco Bär, Oberursel (Taunus)
